„Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im wohlhabenden Bildungsbürgertum eine neue Bewegung, die gesunde Ernährung mit Lebensstil und Naturromantik verband, die Bewegung der Lebensreform. Man konnte es sich leisten, Natur als etwas grundsätzlich Gutes anzusehen und Lebensbedingungen einzufordern, die man als natürlichen Lebensstil definierte. Die Losung lautete: Zurück zur Natur. Es entstanden durchaus positive gesellschaftliche Neuerungen wie weniger steife Umgangsformen, bequemere Kleidung und ein entspannteres Verhältnis zum eigenen Körper. Aber wie immer, wenn sich Gruppenmoral bildet, setzen sich wirklichkeitsfremde Ideologien durch, zum Beispiel, wie die Naturvölker zu essen, nämlich angeblich vegetarisch und roh.“ (Gunter Frank)Gestern Nachmittag war ich einkaufen. Selbstredend ist das eigentlich nicht der Rede wert, weil ich das jede Woche mache, wie Millionen andere auch. Eines war aber anders als sonst. Als ich bepackt die Niederlassung des Discounters meines Vertrauens verlassen wollte, kam gerade der heftigste Gewitterschauer des Jahres herunter. Das veranlasste mich und einige andere Kunden dazu, ein paar Minuten unter dem Vordach zu warten, bis der ärgste Regen nachließ, auf dass man nicht nass bis auf die Knochen beim Auto ankam. So weit, so normal. Doch dann zündete sich einer der Wartenden eine Zigarette an und dezentes Tabakaroma erfüllte bald den Zufluchtsort. Glaubt man offiziösen Verlautbarungen zum Nichtraucherschutz, dann handelte es sich dabei um nichts weniger als den Einsatz einer Massenvernichtungswaffe gegen Unschuldige. Und weil angeblich eine überwältigende Mehrheit dafür ist, dass in ihrer Gegenwart nirgends mehr geraucht wird, war zu befürchten, dass sogleich ein aufgebrachter Lynchmob sich formieren würde, den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen. Vor Gericht wären dann später alle freigesprochen worden. Es war schließlich Notwehr! Und wir waren in Nordrhein-Westfalen, wo doch jetzt seit dem ersten Mai so gesund gelebt wird.
„Eigentlich bin ich Kettenraucher, und dazu stehe ich. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen: Kommen Sie zu meiner Beerdigung und schmeißen Sie eine Schachtel Marlboro ins Grab.“ (Peter Zwegat)
Fliegende Bretter
Nicht immer kritische Betrachtungen über Politik, Gesellschaft, Medien, Kultur, Essen und manchmal auch Sport
Freitag, 17. Mai 2013
Unterm Vordach qualmt's
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Dienstag, 14. Mai 2013
Fröhliches Filmeraten
Eines muss man den Wahlkampfstrategen der Union lassen: Sie verstehen es wirklich, Mutti Merkel im Wahljahr in Szene zu setzen. Kaum hatte unser aller Kanzlerin kürzlich dem Polit- und Justizfachblatt Brigitte ein Interview so ganz von Frau zu Frau gegeben, folgte schon der Charmeoffensive nächster Streich. Im Rahmen der Reihe 'Mein Film', die die Deutsche Filmakademie seit 2011 ausrichtet, wird einmal im Jahr eine prominente Person aus Politik, Kultur oder Showgeschäft eingeladen, die gebeten wird, ihren Lieblingsfilm zu nennen. Der wird dann in dessen und in Anwesenheit von weiteren Personen gezeigt, die etwas Schlaues zu dem Streifen zu sagen wissen. Hinterher wird noch ein wenig über das Gesehene und das Verhältnis der betreffenden Person zu dem Film geplaudert. Prima PR-Plattform, das. Wer den Lieblingsfilm eines Menschen kennt, kann einen kleinen Blick in sein Herz erhaschen, so oder so ähnlich das Kalkül dahinter.
Montag, 13. Mai 2013
Hinter den Fassaden
Allen Jubelmeldungen über Jobwunder und allen Horromeldungen über Fachkräftemangel zum Trotze ist Arbeit ein knappes Gut. Immer, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, kann das für die Nachfrageseite übel enden. Wie es Tucholsky schon sagte: Es ist wie im Krieg – wer die Butter hat, wird frech. Daher gilt für den, der sich Arbeit suchen muss, erst einmal an sich zu arbeiten. Da bieten dann so genannte Bewerbungsberater, -coaches oder -trainer ihre Dienste an. Oder so genannte Karriereberater. Die Seminarangebote sind so zahlreich wie die Buchhandlungen voll sind mit entsprechender Lektüre.
Das Problem vieler solcher Bewerbungs- oder Karriereratgeber ist, dass sie oft, gewollt oder nicht, dem ratsuchenden Leser das Gefühl vermitteln, er sei im Zweifel nichts, die Firmen, bei denen er sich bewirbt, hingegen alles. Sie predigen Eigenmarketing, Selbstoptimierung und Anpassung an teils absurde Standards, nach dem Motto: Sie wollen schließlich was von denen. So stricken sie an der Legende mit, nach der ein bezahlter Job nicht etwa ein Geschäft zu beiderseitigem Nutzen ist, sondern eine Wohltat, eine Gnade, für die man sich den lächerlichsten Ritualen unterwerfen muss und für die man, wird sie einem denn zuteil, die Gnade, dankbar zu sein hat.
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Freitag, 10. Mai 2013
Drecksklamotten
„Es ist ein Märchen moderner Wirtschaftstheorie, dass Kapital dorthin fließt, wo man besonders effizient arbeitet. Tatsächlich fließt es dorthin, wo es die meisten Gewinne bringt. Wo man plündern kann, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.“ (Lalon Sander)Im Zusammenhang mit Lebensmitteln hieß es hier bereits des Öfteren, es liege letztlich an der Kaufentscheidung jedes Einzelnen, womit Hersteller bestimmter Waren durchkommen und womit eben nicht mehr. Wenn mir das Geschäftsgebaren zum Beispiel der Fleischindustrie zuwider ist, dann habe ich als Verbraucher prinzipiell die Möglichkeit, dort einzukaufen, wo ich mir Halte- und Schlachtbedingungen anschauen kann. Ist mir das zu teuer, dann kann ich meinen Fleischkonsum reduzieren, sodass ich mir am Sonntag guten Gewissens etwas richtig Gutes leisten kann oder ich kann gleich ganz auf Fleisch verzichten. Möchte ich mich nicht gemein machen mit Erzeugern von Discountgemüse, die illegale Einwanderer unter menschenunwürdigen Bedingungen ausbeuten, kann ich auf dem Wochenmarkt oder im Bioladen einkaufen. Oder einfach beim Discounter auf die Herkunftsangabe achten und entsprechende Ware liegen lassen.
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Dienstag, 7. Mai 2013
So eine kann doch nicht...
Klar, Beate Zschäpe ist nicht Adolf Eichmann. Doch wenn man sich das hilflose Gemenschel ihrer Nachbarn und auch einiger Medien anhört, von wegen, was für eine nette, kinderliebe Person sie doch gewesen sei und so eine könne doch unmöglich… - dann bekommt man Lust, Leonard Cohens Gedicht über Adolf Eichmann zu zitieren (umdichten ist nicht nötig, der Name Eichmann taucht nur im Titel auf):
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Samstag, 4. Mai 2013
Szenen aus der Leistungsgesellschaft
Wir leben bekanntlich in einer
LeistungsgesellschaftTM. So wurde es uns jedenfalls von Jugend an, ach was, von
Kind auf beigebogen. Das bedeutet, ungeachtet der Person zählt nur,
was jemand leistet, was jemand kann bzw. auch, wie gut jemand für
die Arbeit, die er tut, geeignet ist.
Apropos Jugend: Weil es mich
damals an ein Gymnasium verschlagen hatte, auf das vornehmlich das
besser gestellte Bildungsbürgertum seine Sprösslinge zu schicken
pflegte, lernte ich bald, wie heimtückisch die im heimischen Nordrhein-Westfalen
regierenden Sozis das Leistungsprinzip torpedierten. Es war ein
Lieblingssport konservativ eingestellter Lehrer und Mitschüler, über
den angeblich allgegenwärtigen dunkelroten Filz herumzujammern. Kein
Posten im im öffentlichen Dienst über dem eines städtischen Friedhofsgärtners
sei ohne entsprechende Beziehungen und das richtige Parteibuch zu
bekommen, hieß es immer. Buhuuu! Die Bürgerlichen hingegen, ja, die würden
aufräumen, die fragten nicht nach Parteibuch, sondern bei denen
zähle nur Leistung und Eignung.
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Dienstag, 30. April 2013
Herren im Hause
Karl Huber, seines Zeichens Präsident des Münchner Oberlandesgerichts, mochte es schier nicht fassen: Den medialen Druck anlässlich der peinlichen Platzvergabe nannte er allen Ernstes "in der deutschen Geschichte ohne Beispiel". Schließlich habe man sich juristisch völlig korrekt verhalten. Abgesehen davon, dass es vielleicht ein wenig hoch gegriffen ist, gleich die gesamte deutsche Geschichte zu bemühen, wird sehr schön deutlich, wie wenig man auf Seiten des OLG aus dem Gerangel der letzten Wochen gelernt hat und dass man nicht bereit ist, von der Mentalität, sich stur hinter Paragraphen zu verschanzen, auch nur einen Millimeter abzurücken. Wer im Loch sitzt, sollte aufhören zu graben, lautet eine alte PR-Weisheit.
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