Montag, 19. November 2012

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (2)


Kürzlich wurde hier schon einmal berichtet über Situationen, die auch den erfahrenen Konsumbürger an seinem Verstand zweifeln lassen. Natürlich hält auch die schillernde Welt der Mode diesbezüglich so einiges parat. Denn es ist doch ein Ärger mit den Alten, Armen, Hässlichen und Dicken. Man will einfach nur ganz entspannt jung, reich, schön und in sein, und überall treiben sie sich herum, das Auge beleidigend. Die Welt ist voll von unansehnlichen, faltigen Fattys, die einem durch ihre bloße Anwesenheit ein schlechtes Gewissen machen. Bestimmt sind sie nur neidisch, denn in einer Tour jammern sie herum, weniger vom Leben zu haben als die jungen, schönen Richtigmacher. Werden solche Neidhammel auch noch politisch, dann sind es meistens Sozialisten, die einem den schönen, hart erarbeiteten Wohlstand mit Gewalt abzunehmen trachten.

Wie tröstlich ist es da, dass es in diesem Jammertal der Missgunst immer noch Oasen der Schönheit, der Jugend und des Reichtums gibt. Zu solchen Oasen gehören die Läden der Firma Abercrombie & Fitch. 1892 in New York ursprünglich als braver Camping- und Jagdausstatter gegründet, dümpelte der Laden lange Zeit vor sich hin. Dann krempelte man ihn Anfang der 1990er radikal um. Man begann, typisch amerikanische College-Mode von durchschnittlicher Qualität zu moderat gehobenen Preisen in ausgeklügeltem Ambiente anzubieten und begann zu expandieren. Auch sagt man ganz offen, dass man auf Menschen über 25 und oberhalb einer gewissen Konfektionsgröße als Kunden keinen Wert legt.

Zumindest in Europa sind die Filialen dünn gesät, denn sie sollen ein Reiseziel sein. Schlange stehen müssen, um hinein zu kommen, ist Teil des Einkaufserlebnisses. Sonderangebote oder gar Schlussverkäufe gibt es nicht. Seit letztem Jahr gibt es auch in Deutschland eine Möglichkeit, nicht nur ganz ungestört jung, schön und angesagt zu sein, sondern dabei auch vermittelt zu bekommen, wegen ihres Geldraushauens etwas ganz Besonderes zu sein.

Die Königsallee in Düsseldorf wird gern fälschlicherweise als 'Kö' verniedlicht. Angeblich gibt es nur noch in London mehr Flagship Stores von Luxusmarken pro hundert Meter Straße als hier. Die schiere Zahl der zu Pelzen verarbeiteten Tierhäute, die dort im Winter Gassi geführt werden, ließen wohl jede sibirische Nerzfarm vor Neid erblassen. Von örtlichen Original Manes Meckenstock stammt das Bonmot, mit der Kö sei das so eine Sache. Fast jeder Düsseldorfer sei stolz auf sie, aber kaum einer sei gern dort. Ein anderer Ausspruch Meckenstocks lautet, der Lieblingssport der Düsseldorfer sei 400 Meter blöd gucken – auf der Kö. Da konnte es für die erste Niederlassung von Abercrombie & Fitch in Deutschland eigentlich nur eine Wahl geben.

Wie passend also, dass letztens ein schon lange geplanter Ausflug mit ein paar Freunden in die Landeshauptstadt anstand. Zweck der Übung sollte eigentlich sein, die Erzeugnisse dortiger Altbier-Hausbrauereien zu testen. Weil wir schon nachmittags dort waren, bummelten wir noch ein wenig herum und gerieten beinahe zwangsläufig auch auf die Kö. Einer aus unserer Runde, der unter der Woche in Düsseldorf arbeitet, meinte: Kommt mal mit, ich muss euch mal was zeigen. Den Abercrombie-Laden müsse man gesehen haben, sonst glaube man es nicht. Aha, dachte ich, wenn denn einmal mein letztes Stündlein schlägt, dann würde ich wenigstens mit dem wohligen Gefühl abtreten können, kein kompletter Ignorant gewesen zu sein.

Der Store liegt auf der so genannten stillen Seite der Straße. Dort gibt es nur wenige Geschäfte, statt dessen haben vornehmlich Banken, Versicherungen und andere diskret operierende Wegelagerer ihren Sitz. Der Laden selbst ist von weitem nur an der Menschenschlange zu erkennen, die sich davor staut. Keine auffälligen Schilder, erst recht keine Leuchtwerbung. Kommt man näher, wird man zunächst geruchsbelästigt. Im ganzen Laden und im Umkreis des Eingangs wird das Parfum der Marke versprüht. Aus dem Innern ist wummernde Discomusik zu hören. An diesem normalen Samstagnachmittag Anfang November warten zirka 40-50 Menschen auf Einlass. Der Zugang zu den Heiligen Hallen wird, nach Art angesagter Clubs, geregelt von einem Türsteher in dunkelblau, der von Zeit zu Zeit die schwarze Kordel abhängt, um eine neue Portion Kunden einzulassen.

Weil ich mir Schlangestehen im Nieselregen nicht antun will, versuche ich einen Blick zu erhaschen aufs Innere. Kaum zu machen, denn hinter der Tür steht eine schwarze Trennwand, um die herumgehen muss, wer ins Innere des Tempels vordringen will. Überhaupt wirkt der Bau von außen so einladend wie Fort Knox. Im Eingang hält ein durchtrainierter, halbnackter Jungmann seinen Waschbrettbauch in die frische Herbstluft. Kichernde Mädchen dürfen mit ihm posieren und bekommen auf Wunsch ein Polaroidfoto als Souvenir. Unser Pendler, der nach Feierabend schon einmal drinnen war, klärt uns auf: Der junge Mann ist nicht etwa ein Verkäufer, sondern ein Model. Er braucht vom Verkaufen keinen Schimmer zu haben und Deutschkenntnisse sind auch nicht nötig. Seine einzige Aufgabe ist es, gut auszusehen und zusammen mit seinen Kollegen zu den Discobeats durch den Laden zu tänzeln und für gute Stimmung zu sorgen. Weiterhin sei es im Innern stockdunkel, alles sei in schwarz gehalten, nur die Klamotten würden mit Punktstrahlern illuminiert. Die Botschaft ist klar: Hier kauft man nicht einfach ein, nein, man betritt einen Tempel, einen sakralen, dem Alltag enthobenen Ort. Ähnlich einem Vater, der par tout seine heranwachsende Tochter in die Disco begleiten will, werden dem, der ein gewisses Alter überschritten hat und sich nur in der Nähe so eines Ladens aufhält, nonverbal, aber unmissverständlich ein paar unbequeme Fakten unter die Nase gerieben:

  • Du bist hässlich.
  • Du bist zu dick. Sollte das übrigens wider Erwarten nicht der Fall sein, reichen die anderen Sachen immer noch, dich hier unmöglich zu machen.
  • Du bist zu alt.
  • Du gehörst nicht hierher und störst die Optik.
  • Egal, wie du dich anstrengst, Alterchen, du wirst das hier nicht verstehen. Gib dir also keine Mühe, du bekommst sonst nur noch mehr Falten.
  • Ach ja, eines noch: Solltest du in Begleitung deiner Kinder hier sein und hinterher zahlen müssen, dann versuche bitte, für die Dauer des Einkaufs möglichst wenig scheiße auszusehen. Warum lässt du nicht einfach deine Kreditkarte hier und gehst irgendwo anders einen Kaffee trinken?

Wer kennt sie nicht, diese Stellenanzeigen, in denen nach unter dreißigjährigen Jungdynamikern mit Hochschulstudium, Auslandsaufenthalt, mindestens fünf Fremdsprachen und Praktika bei Top-Adressen, und zehn Jahren Berufserfahrung gefahndet wird? Oder diese Bewerbungen von nicht einmal Dreißigjährigen, in denen der Lebenslauf fünf Seiten lang ist und der Stapel der beigelegten Zeugnisse und Zertifikate leicht die Höhe eines Telefonbuchs erreicht. Man liest es und kann nicht immer umhin, sich dumm, alt, faul und unzulänglich vorzukommen und sein Leben verpfuscht zu finden. Exakt so fühlt man sich leicht im Angesicht dieser schönen, neuen Shopping-Welt.

Nun ist es weder neu noch ungewöhnlich, dass Unternehmen, die es auf eine jugendliche Zielgruppe abgesehen haben, versuchen, sich ein entsprechendes Image zu geben und sich von der Erwachsenenwelt möglichst abzugrenzen. Auch nicht neu ist es, der Zielgruppe ein Wir-Gefühl zu vermitteln, das Bewusstsein, mit seinem Konsumverhalten einer exklusiven, angesagten Gemeinde anzugehören. Bei Abercrombie & Fitch dreht man diese Schraube lediglich noch eine Umdrehung weiter.

Vieles geht einem durch den Kopf, nachdem man so was erlebt hat. Drei Dinge aber beschäftigen einen besonders. Erstens: Was soll der Zinnober? Zweitens: Was, zur Hölle, kommt eigentlich als Nächstes? Und drittens: Ich bin definitiv zu alt für den Scheiß hier.

Ein Gutes hat die ganze Sache: Zwei Straßen weiter beginnt die Düsseldorfer Altstadt. Dort gibt es eine zumindest in Nordrhein-Westfalen einzigartige Vielfalt an Kneipen, in denen man zu moderaten Preisen handfest essen kann und köstliches, hausgebrautes Altbier bekommt, das nichts zu tun hat mit der traurigen Massenware aus dem Getränkemarkt. Wenn man dann, nach der gründlichen Verkostung von Füchschen, Schlüssel und Kürzer Alt, nach zwei, drei Uerige hundert Meter weitergeht zum Rheinufer, um den Abend zu beschließen, dann ist die Welt wieder in Ordnung. Und auch die Kö ist, obwohl nicht mal einen Kilometer Luftlinie entfernt, ganz weit weg.


Kommentare:

  1. Ich weiß ja von diesem Laden nicht mehr, als ich gerade hier gelesen habe, aber es scheint so, als müsse man dankbar sein, daß es ihn gibt. Endlich muß man sich, will man mal so richtig stören, nicht mehr im Nieselregen an irgendwelche blöden Gleise ketten oder ohne Klo vor einer Bankzentrale campen. Sondern man kann sich ganz einfach mal eben nach der Arbeit in die Warteschlange vor einem Klamottenladen einreihen. :)

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    1. @Thomas

      Ach, Sie meinen, das sei schon pathologisch ?*grins*

      @Stefan Rose
      Interessante Darstellung, von so etwas hab ich noch nie gehört ... was es all gibt ... man lernt nie aus und verrückter geht scheinbar immer ...

      Gruss
      Rosi

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    2. PS: Wieso muss ich ausgerechnet jetzt an die geschälten und verpackten Bananen im Supermarkt denken ... ;)

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  2. .....Düsseldorfer Altstadt
    Umpf. Üsch hab Heimweh.

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    1. Oooohhhhhhhh, armer ... *einmal übers Köpfchen streich ;)*

      Gruss
      Rosi

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    2. Die werden aber wenigstens nicht von einem Türsteher bewacht, mit Parfüm eingedieselt und von spärlich bekleideter, lebender Deko umtanzt - ein paar Unterschiede gibt es also noch...

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  3. Hm, wenn ich als wohl in jeder Hinsicht deutlich außerhalb der von A&F anvisierten Zielgruppe stehender alter Motzkopp über den Laden lästere, hört sich das nur nach den Trauben an, die bekanntlich immer dann sauer sind, wenn sie zu hoch hängen und man nicht drankommt. Aber Läden mit Türstehern sind mir schon immer unsympathisch gewesen. Da setze ich mich auch lieber mit ein paar Flaschen Bier an den Rhein :)

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    1. Ach was, alles neidische, verbitterte, negative alte Säcke, mit unexklusiven Lebensläufen, die immer nur rummoppern können... ;-)

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    2. Schon wieder diese furchtbare Yuppie-Attitüde! Da hat ja Scheffe sein iPhone mehr Herz ;)

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