Mittwoch, 16. August 2017

Reiseimpressionen (7)


Undenkbares

Bis vor ein paar Jahren galt: Wer vom europäischen Kontinent per Flieger nach England wollte, und qua Geiz oder mangels dicker Hose nicht First Class gebucht hatte, tat sehr gut daran, den Flughafen London-Heathrow nach Möglichkeit zu meiden. Nach Heathrow flog nur, wer nicht anders konnte. Das alte Terminal 1, in dem die meisten innereuropäischen Flüge abgewickelt wurden, war ein dusterer, abgerockter Moloch mit endlosen Gängen und kryptischer Personenführung. Hatte man endlich sein Gepäck wieder, konnte durchaus noch ein Fußmarsch von 15-20 Minuten vor einem liegen. Entsprechende Erfahrungen brachten mich dazu, über mehrere Jahre die Dienste des als Fluggesellschaft getarnten Leutezusammenpferchers easyJet in Anspruch zu nehmen. Zumal es sich vom Miniflughafen Dortmund recht kommod reisen und die knappe Stunde in der engen Mühle sich aushalten ließ.

Weil aber nun das Angebot der (angeblichen) Billigairline von Dortmund auf nur noch einen Flug am Tag zusammengestrichen wurde, Billigairlines nicht mehr wirklich billig sind, sofern man nicht Monate im voraus bucht und kein Gepäck aufgibt, und der Flughafen Dortmund verkehrsmäßig so miserabel angebunden ist, dass man immer jemanden finden muss, der einen per Auto zu nachtschlafender Zeit hinbringt und wieder abholt, der Flughafen Luton inzwischen einer, den man nur anfliegt, wenn man gar nicht anders kann, gab ich dieses Mal den ehrwürdigen British Airways eine Chance. Großzügiges Freigepäck, der für mich ohne Umsteigen zu erreichende Bahnhof am Düsseldorfer Flughafen und die Tatsache, dass London mehrmals am Tag zu angenehmen Zeiten angeflogen wird, machten die Wahl leicht.

Nur eben Heathrow als Zielflughafen. Zwar ist die alte Bruchbude inzwischen stillgelegt und die BA-Flüge werden alle im neuen Terminal 5 abgewickelt, aber dennoch bleibt das ein gigantomanischer Monsterairport. Aber, was soll ich sagen? Abgesehen davon, dass die Passkontrolle eine zeitraubende Zumutung war, erwiesen sich alle Bedenken als unbegründet. Der Betrieb läuft wie ein gut geschmiertes Uhrwerk. Ein heller, lichter Bau, der an keiner Stelle erdrückt, nie ist man im Zweifel, was als nächstes zu tun ist und wo man hinmuss. Darüber, dass das Teil im Prinzip eine riesengroße, noble Shoppingmall mit Flugbetrieb ist, sieht man da hinweg. Und Personal ist vor Ort. Überall haben sie Personal auf der Insel. Kompetentes, vor allem aber freundliches und hilfsbereites Personal.




Es mag sein, dass Neoliberalismus, der im Vereinigten Königreich noch ein Stück gnadenloser praktiziert wird als bei uns, Menschen zu bloßen Kunden reduziert. Im Sozialwesen kann das fatal sein, überall anders dagegen schon sehr angenehm. So gibt man sich dort sichtlich Mühe, es durch Freundlichkeit auszugleichen, wenn Dinge nicht so laufen wie sie sollten. Mir ist noch kein einziger Supermarktangestellter begegnet, den ich nach einer bestimmten Ware gefragt habe, der nicht sofort angeboten hat, mich dorthin zu bringen und der diesbezüglich nicht schwer abzuwimmeln war. Vielleicht bin ich nicht repräsentativ als Tourist, da mein deutscher Akzent, wie mir aus zuverlässiger Quelle mehrfach versichert wurde, kaum wahrnehmbar ist.

Natürlich ist auch der größte und wichtigste Flughafen des Landes nicht unbedingt repräsentativ für den ganzen Rest, aber nach ein paar Tagen stechen die Unterschiede zur Heimat bei der Rückkehr schon ziemlich ins Auge. Und ins Ohr. Nehmen wir die Gepäckrückgabe in Düsseldorf. Vierzehn Bänder sind's an der Zahl. Irgendwo steht bestimmt auch, zu welchem man muss. Ich habe es dann von einem Mitpassagier erfahren. Personal? Fehlanzeige. Abgesehen von ein paar arrogant dreinblickenden Schlümpfen in Warnwesten, für die Ahnungslosigkeit bzw. nicht zuständig zu sein zentraler Teil ihres Berufsethos zu sein schien. Ansonsten war das einzige Personal, das mir vom Ausgang des Terminals bis zum heimatlichen Bahnhof sonst begegnete, die Dame, die in der heillos überfüllten S-Bahn die Fahrkarten kontrollierte. Deutsche Organisation? Früher sagte ich gelegentlich, in Deutschland wäre das undenkbar, wenn ich in Großbritannien war. Inzwischen sage ich öfter, in Großbritannien wäre das undenkbar, wenn ich hier bin. Man wird wohl alt.

Überhaupt, S-Bahn. Die war eine Notlösung, weil der komfortable Regionalexpress, der direkt meine Heimatstadt ansteuert, dies leider nur einmal pro Stunde tut und gerade weg war (die Metropolregion Rhein-Ruhr schmückt sich übrigens gern damit, eine der dynamischten und in Sachen Infrastruktur topsupersten überhaupt zu sein – nun ja, im Rheinland hatten die Jecken schon immer Sinn für Humor). Also fand ich mich in einem heillos überfüllten Pendlerzug wieder, in dem ich mein Gepäck nirgends verstauen konnte und der aus Gründen, die ein Geheimnis bleiben, den größten Teil der Strecke mit 50, 60 Sachen daherzockelte. Und da wurde ich schmerzlich eines weiteren Unterschiedes gewahr. Das Verhältnis nicht aller, aber doch einiger Deutscher zur Dezenz. Bzw. deren mangelndes.

Obwohl ich bei so was wie Nationalcharakteren äußert skeptisch bin, will mir scheinen, wie an anderer Stelle bereits räsonniert, dass die überwiegende Mehrheit auf den Britischen Inseln noch immer deutlich stärker darauf bedacht ist, der Umwelt nach Möglichkeit nicht unnötig auf den Sack zu gehen. Natürlich gibt es Ausnahmen. So sollte man britische Touristen und Fußballfans im Ausland aus der Gleichung subtrahieren. Trotzdem, fahren Sie dort mal mit dem Zug oder mit dem Bus und sperren Sie die Ohren auf. Natürlich daddeln auch dort Leute auf ihren mobilen Endgeräten oder unterhalten sich. Aber sie tun ersteres mit Kopfhörern und letzteres leise. Dezent. So dass man mitbekommen könnte, wenn man unbedingt wollte, aber nur dann. Während meiner gerade einmal einstündigen Bahnfahrt in Deutschland hingegen habe ich von Gevatter Mitmensch zwei gar erschröckliche Krankengeschichten, zwei existenzielle Beziehungskrisen sowie den genauen Hergang eines Restaurantbesuches am Vorabend aufgenötigt bekommen, ohne dass mich davon etwas im Geringsten interessiert hätte.

In Großbritannien wäre das undenkbar.


Foodporn: Es ist noch Suppe da

Okay, an einem Samstag nach London zu kommen, ist keine gute Idee. Habe ich gelernt. Diese quirlige, rappelvolle, hektische Stadt, in der die ganze Welt zusammenkommt und die trotzdem auf wundersame Weise irgendwie funktioniert, vermag einen immer wieder aufs Neue zu faszinieren (sofern man nicht über Lebenshaltungskosten nachdenkt). Sie neigt aber auch dazu, ein Provinzkind wie mich zu reizüberfluten. Nachdem ich durch das Westend gebummelt und auf dem Weg gen Covent Garden bei Fopp Music eingekehrt war, wo sie mich sympathischerweise mit komplett durchgeknalltem Hammondorgel-Gegniedel beschallten, brauchte ich dringend eine Pause. Und einen Happen zu essen. Den gibt es hier alle paar Meter in allen Farben, Formen, Größen und aus aller Herren Länder. Schwer, sich da zu entscheiden. Bei zu viel Auswahl kann es ja passieren, dass man von Hölzchen auf Stöckchen kommt und am Ende doch nur ein Sandwich nimmt.

Doch zum Glück fiel mein Auge auf einen japanischen Laden, der im Erdgeschoss Sushi und im Obergeschoss Ramen anbot. Ramen, also japanische Nudelsuppe, gehört zu den Dingen, die ich schon immer mal probieren wollte. Als Bewohner Nordrhein-Westfalens wäre das für mich eigentlich ein leichtes, verfügt die Landeshauptstadt doch über eine große japanische Community mit entsprechenden Etablissements. Nur bin ich selten dort und extra nach D-Dorf für einen Teller Suppe erscheint mir dann doch übertrieben. Aber nun war ich ja auch so am Ziel meiner Wünsche.

Nun muss man wissen (wer das bereits tut, möge das folgende bitte ignorieren), dass es bei Ramen um die Brühe geht, dass Nudeln und andere Zutaten bloß Beigaben sind, Sättigungsbeilagen quasi. Daher hat Ramen auch kaum etwas gemein mit Omas Rinder- oder Hühnerbrühe. Die mag delikat sein, aber für Ramen werden Huhn, Schweinebauch und Knochen über viele Stunden gesimmert und noch mit Miso angereichert. Weil das ein ziemlicher Aufwand ist, wird das normalerweise nur in darauf spezialisierten Läden angeboten, die nichts anderes führen. Wer es dennoch selbst versuchen möchte und des Englischen mächtig ist, findet hier eine Anregung.

Menschen, die ihr Essen fotofieren (hier kannte mich ja keiner...)

Und, wie war es nun? Ich hatte Tobanjan, die scharfe Variante, was fürs erste Mal vielleicht ein Fehler war, aber sei's drum. Man bekommt: eine Schale mit wohl einem knappen halben Liter Brühe, Nudeln, drei Scheiben Schweinebraten, Frühlingszwiebel, Bambussprossen und einem Ei. Die Brühe war der Hammer. Unglaublich dicht, satt, vollmundig und reichhaltig. Mehr als eine volle Ladung umami, um's mit einem entsetzlichen Modewort zu sagen. Der Schweinebraten war butterzart, fett und schmeckte wie ein bayerischer Krustenbraten, die Nudeln, die man übrigens in drei Härtegraden ordern kann, waren perfekt. Und vorhalten tut so ein Schälchen, man ahnt es, auch recht lange. Eine Erfahrung, die ich jederzeit wiederholen würde, so sich die Gelegenheit bietet. Wenn nur der Preis nicht wäre. 12 Pfund plus 1,78 Service für eine Portion Nudelsuppe sind schon eine Ansage. Okay, so ein Laden an so einer Adresse wird happige Kosten verursachen. Trotzdem: Würde ich das auch hinlegen, wenn ich nicht im Urlaub und in entsprechender Stimmung wäre? Weiß nicht recht. Aber lecker war's schon.


Fopp Music London
1 Earlham Street
Covent Garden WC2H 9LL
www.fopp-hearmyvoice.com

Shuang Shuang
64 Shaftesbury Avenue
London W1D 6LU
www.shuangshuang.co.uk




Dienstag, 8. August 2017

Ronny des Monats - August 2017


Bevor es hier in eine einwöchige Sommerpause geht, noch schnell die fällige Ronny-Verleihung für August. Man muss beizeiten daran erinnern, dass Ronny und Konsorten nicht nur gegen alles Frrremdrrrassige aktiv sind, sondern auch gegen alles, was sie als Links ausmachen. Und weil Ronny und Co. normalerweise schon ziemlich weit rechts stehen, kann da eine ganze Menge zusammenkommen. Nehmen wir den G20-Gipfel in Hamburg, über den hier ja einigermaßen ausführlich berichtet worden ist. Natürlich war die Gewalt, zu der es gekommen ist, nicht in Ordnung. Die Reaktionen aus gewissen Kreisen allerdings auch nicht. Bernhard Torsch hat dankenswerterweise einige Screenshots aus diversen Facebookgruppen gesammelt, die illustrieren, wie gewisse Leute sich das Vorgehen gegen die Randalierer von Hamburg so vorstellen. Ein paar Kostproben:

Sonntag, 6. August 2017

Bourgeoise Besseresser/in


Denise Snieguole Wachter verdingt sich beruflich als 'Genussredakteurin' bei der Zeitschrift 'Stern'. In dieser Funktion ist sie - öhöm, öhöm - "für Kulinarik zuständig" und nach eigenem Bekunden "hungrig auf alles, was mit gutem Essen und köstlichem Wein (und auch anderen Getränken) zu tun hat". Nicht die schlechtesten Voraussetzungen also. Überdies verfügt sie offenbar über die magische Gabe der Bilokation. Mit anderen Worten: Sie kann sich zweiteilen. Anders ist es nämlich nicht zu erklären, wieso sie selbstgemachte Gemüsechips als leckere und gesunde Alternative zu Kartoffelchips anpreist, um im nächsten Moment zu warnen, Gemüsechips seien keinen Deut besser als Kartoffelchips und daher mit genau so viel Vorsicht zu genießen.

Freitag, 4. August 2017

Kultureller Käse


Der bayerische Obazda ist, sofern ich recht informiert bin, ursprünglich eine Möglichkeit, Camembert, Brie oder anderen Schimmelkäse, der ein wenig 'drüber' ist, genießbar zu machen. Irgendwer hatte herausgefunden, dass ein Matsch aus überreifem Käse, Butter, gehackter Zwiebel, edelsüßem Paprika und eventuell etwas Kümmel hervorragend zu Bier und Brezn passt. Dass aus Resteverwertungen Spezialitäten werden, ist übrigens etwas durchaus Alltägliches. Und etwas Sympathisches, weil es darum geht, nichts wegzuwerfen. Das hiesige Hühnerfrikassee ist nichts anderes als eine Möglichkeit, das weitgehend geschmacksfreie Fleisch, das nach dem Auskochen von einem alten Suppenhuhn übrig ist, in etwas Essbares zu verwandeln. Genauso wie der französische Coq au vin. Ein coq ist weder ein Brathähnchen (poulet) noch ein Masthuhn (poularde), sondern ein alter Hahn, der, ähnlich seinem weiblichen Pendant, dem Suppenhuhn, seinen Dienst getan hat und in den Topf wandert, wo er zunächst in kräftigem Wein mariniert und dann lange auf kleiner Flamme weichgeschmort wird.

Mittwoch, 2. August 2017

Kost alles extra


Ins Kino zu gehen ist inzwischen eine anspruchsvolle, mit zahllosen Entscheidungen gepflasterte Angelegenheit. Früher konnte man wählen zwischen Parkett bzw. Sperrsitz und Loge. Wobei 'Loge' in den meisten Provinzkinos nichts anderes hieß, als dass Plätze in den letzten Reihen 1 bis 2 Mark extra kosteten. Einem alten, nicht auszurottenden Ammenmärchen zufolge, weil man dort die beste Sicht auf die Leinwand hat. War natürlich Quatsch, in Wahrheit ging es um was anderes. Wer es als Jungspund schaffte, eine Angebetete ins Dunkel des Kinos auszuführen, investierte hier. Erstens, weil hier die Chance auf ungestörtes Rumknutschen und Fummeln bestand, da ja niemand mehr hinter einem saß, und und zweitens in der stillen Hoffnung, die Dame würde vielleicht denken: Wow, ein Logenplatz, welch ein Gentleman! Heute ist die Sache trotz moderner Technik nicht einfacher, sondern eher noch komplizierter.