Sonntag, 20. August 2017

Foodblog London


An die 17.000 Restaurants und um die 4.500 Pubs soll es 2015 in London gegeben haben. Menge Auswahl. Warum, so frug ich mich jetzt, hier nicht mal ein paar von denen empfehlen, die ich so getestet und für gut befunden habe bislang? Als kleine Hilfe für den Fall, dass jemand demnächst mal nach in die, trotz aller Berliner Bemühungen, einzige echte Weltstadt Europas kommen sollte. Den erstmaligen Besucher mag überraschen, dass man in London vergleichsweise billig herumkommen kann. Eine Day Travel Card für die Tube ist für £ 8.00 zu haben, und an einer der teuersten Einkaufsstraßen der Welt, etwa der Oxford Street, kosten die Sandwiches bei Marks & Spencer keinen Penny mehr als überall anders. Hinkommen? Wer nicht an Flugangst leidet und auf den Anblick der White Cliffs verzichten kann, bekommt Flüge, die günstiger sind als so manche innerdeutsche Zugfahrt. Leider ist Übernachten meist ein teurer Spaß. Es sei denn, man hat kein Problem damit, im Hostel mit 12 besoffenen Australiern auf dem Zimmer zu liegen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

(via gentlemensluncheonclub.com)

Indisch

Einem alten, inzwischen veralteten Bonmot zufolge, sollte, wer in Großbritannien gut essen will, entweder drei Mal am Tag frühstücken oder indisch essen. Weil die Anzahl der indischen Restaurants in London riesig ist, landet man halt irgendwo, so man nicht vorher recherchiert hat. Etwa im 'Chettinad Restaurant'. Das Ambiente ist edel, die Vorspeisen (zu denen ein wenig Brot allerdings willkommen gewesen wäre) waren einwandfrei, das Lamb Madras, wie sich's gehört, waffenscheinpflichtig scharf aber gut, der Service freundlichst. Nur am nächsten Tag, als die Schärfe verflogen war, da keimte ein Same des Zweifels. Einer von uns hatte ein Chicken Korma, das mich verdächtig an ein Fertigerzeugnis aus dem Glas erinnerte, das ich vor Jahren mal ausprobiert habe. Preisfrage: Woran erkennen Sie, dass Ihr Curry hausgemacht ist und wahrscheinlich Inder am Werk waren? Daran, dass Sie beim essen die Augen offen halten müssen. Sind nämlich, vor allem bei südindischer Küche, ganze Gewürze drin. Kardamomschoten, Zimtstangen, Sternanis, Curryblätter, Nelken usw. Das fehlt hier völlig, was nichts heißen muss. Man isst hier ordentlich zu fairen Preisen (Hauptgerichte ab ca. £ 8.00, bitte bei den Preisen zu bedenken, dass in Restaurants, anders als in Pubs, noch 10-15% für Service aufgeschlagen werden).

Chettinad Restaurant
16 Percy Street
Soho W1T 1DT
chettinadrestaurant.com


Bierchen trinken

Das ist in den Pubs des Londoner Stadtgebiets mittlerweile sauteuer. Mit £ 4.00 bis 6.00 für ein Pint ist durchaus zu rechnen. Dafür bekommt man hier und da echt was geboten. Etwa im Queen's Head. Dort führt man neun Biere am Hahn, darunter zwei Pale Ales, ein Bitter und das von Iron Maiden mitentwickelte, 'The Trooper' genannte Red Ale. An der Wand eine große, handgeschriebene Tafel. Jedes Bier wird geschmacklich genau beschrieben und die Bittereinheiten aufgeführt. Nett. Aber eben auch nicht billig. Und viel Hipsterpublikum.

The Queen's Head
66 Acton Street
King's Cross WC1X 9NB
queensheadlondon.com


Traditionell endemisch

Führt man kein dickes Spesenkonto Gassi bzw. hat keine Reisekasse wie Krösus, dann landet man auf der Insel früher oder später unweigerlich in einem Pub der Kette J.D. Wetherspoon's. Zu erkennen an silberner Schrift auf blauem Grund. Groß geworden ist Wetherspoon's als eine Art 'Kantine der Nation', die sonntags Sunday Roasts mit Familienrabatt und täglich bis mittags Full English zu unschlagbaren Preisen anbietet. An die 1.000 Pubs wurden mittlerweile im Königreich übernommen oder errichtet und sie stehen heftig in der Kritik. Von wegen: Totengräber des kleinen, traditionellen und unabhängig geführten Pubs (so ist das von mir besuchte Montagu Pyke in den ehemaligen Räumlichkeiten des legendären Marquee Club untergebracht, der aber bereits vorher dicht war). Das mag alles sein und Romantiker mögen das ärgerlich finden, das Problem ist nur, dass man, wie gesagt, man an den Läden nur schwer vorbeikommt, weil das durchschnittliche Londoner Etablissement mittlerweile schon für ein schnödes Bier Puffpreise aufruft (s.o.). Im verranzten Croydon ist der örtliche Wetherspoon's (The Flora Sandes) daher das, was am ehesten einem Pub von einst entspricht, wo jedermann und jedefrau ihr Getränk nehmen kann ohne sich zu verschulden, weil das Bier hier gerade mal die Hälfte kostet als woanders. Das Essen ist mehr als ordentlich und ebenfalls zu überschaubaren Preisen zu haben (Hauptgerichte ab £ 5.00, teils 1 Getränk inklusive). Kette hin oder her, Systemgastronomie, ja, auch das, trotzdem eine echte Alternative. (Kleiner Tipp: Montags hingehen, da ist Aktionstag und viele Getränke günstiger.)

Welsh Rarebit Burger, chips, onions, Pint Guinness für £ 8.10 - passt!
Wenn man sich gepflegt einen einhelfen möchte...
Fairerweise sollte ich erwähnen, dass es ein Wetherspoon's-Pub war (The Swan & Castle in Oxford), in dem ich vor ein paar Jahren das einzige Mal in England wirklich schlecht gegessen habe. Und dass Gründer und Chef Tim Martin ein glühender Befürworter des 'Brexit' ist.

The Montagu Pyke
105-107 Charing Cross Road
West End WC2H OBP

The Flora Sandes
2–4 Ambassador House
Brigstock Road
Thornton Heath CR7 7JG
www.jdwetherspoon.com


Zwischendurch

Wenn einem nur der Sinn nach einer Kleinigkeit zum Essen aus der Hand steht, dann ist man in Britannien genau richtig, denn es sind überall Sandwiches in einer Auswahl und Güte zu haben, die den Auswärtigen immer wieder baff sein lässt. Weil die Bio-Welle längst auch auf die Insel geschwappt ist, stolpert man in London mittlerweile an jeder Ecke über eine Filiale der in den Achtzigern gegründeten Kette Pret A Manger. Dürften inzwischen mehr sein als die von amerikanischen Burgerbratern und Kaffeesiedern zusammen. "No Nasties!" lautet die Parole hier. Also etwa "Keine Sauereien". Man verarbeitet zeit- und ortsnah frische Bio-Zutaten zu Sandwiches, Panini, Wraps, Suppen und Salaten. Es gibt Softdrinks aus eigener Herstellung, frischen Kaffee, Salate, frisches Obst und die unvermeidlichen Superfoods. Es ist vergleichsweise günstig, es schmeckt wirklich nach dem, was drin ist und macht den Eindruck, als würden hier tatsächlich nur ordentliche Zutaten verwendet. Sagen wir's so: Ja, auch Pret ist eine Kette, die sicher den einen oder anderen kleinen, unabhängigen Sandwichschmierer oder Fish and Chips-Brutzler in den Ruin getrieben hat. Und, ja, es ist Fast Food, aber man kann halt alles gut oder schlecht machen. Hier machen sie's gut, verdammt gut. Außerdem für all jene interessant, die vegetarisch oder vegan unterwegs sind. Ein weiterer Wahlspruch lautet: "For everyone – not just for veggies."

(via dailyexpress.co.uk)
Pret A Manger
Überall, kann man kaum verfehlen
www.pret.com


Chinesisch

Da London meines Wissens nach als einzige europäische Großstadt über eine echte Chinatown verfügt, kann natürlich der Wunsch aufkommen, auch mal 'richtig' chinesisch zu essen (will heißen: So authentisch chinesisch, wie man es als Durchschnittseuropäer halt so hinbekommt). Nur ist das Angebot in und um die Gerrard Street unüberschaubar und vor jedem Restaurant wird man mit dem angeblich besten/billigsten/authentischsten Essen der Stadt angekobert. Was tun? Misstraue dem Naheliegenden and ask a local. Die liebe G., die es tatsächlich schafft, sich hier als selbstständige Grafikdesignerin durchzuschlagen, führte in ein anderes Stadtviertel, in dem das Oriental Dragon das einzige chinesische Restaurant weit und breit ist. Der Laden sieht zwar aus wie ein "cheap takeaway", wie's im Guardian durchaus zutreffend hieß, aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Das Essen? Anders als man es gewohnt ist. Nach Ente oder Hähnchen knusprig sucht man so vergebens wie nach Schweinefleisch süß-sauer. Zwei Speisekarten haben sie hier: Eine mit ernsthaft chinesischem Essen und eine, die etwas dem europäischen Geschmack angepasst ist. Die Atmosphäre ist hektisch betriebsam, das Essen köstlich, das Gedämpfte zum Niederknien gut, die Preise sind klein (Hauptgerichte ab £ 7.50). Und das beste: Man riecht hinterher nicht nach Fritteuse. Zwar bekommt man einen 404 Error, wenn man die Webseite aufrufen will, aber der Laden scheint noch zu existieren.

Restaurant Oriental Dragon
100 Cleveland Street
Fitzrovia W1T 6NS
www.orientaldragonrestaurant.co.uk (zur Zeit down)


Italienisch

Da ich eines späten Mittags ein mächtiges Sausage Roll eingepfiffen hatte, hielt ich für den Abend etwas nicht gar so Schweres für eine gute Idee. Weil ich einen Salat aber nur an brüllheißen Tagen für eine vollwertige Mahlzeit halte, orderte ich im von einer italienischen Famiglia geführten Melanie Restaurant trotz des überaus verlockenden Restangebots eine Pizza mit scharfer Peperoniwurst und Paprika. Was kam, war, ich neige nicht zu Übertreibungen, aber ich kann hier nicht anders, so ziemlich das Beste und Üppigste, was ich jemals unter der Bezeichnung Pizza auf dem Teller hatte. Aus dem Steinofen, perfekt auf den Punkt und mit einer Riesenschicht aus cremigem Käse, allerdings ohne dabei den hauchdünnen Teig durchzuweichen. Die Associazione Verace Pizza Napoletana mag ob des zu vielen Käses und falschen Belages meinethalben Krämpfe kriegen, aber ich liebte es. Ich wiederhole mich: Besser geht so was nicht. Für knapp neun Pfund (Pizza £ 7.00-9.00, andere Hauptgerichte ab £ 9.00). Was Leichtes ist indes was anderes. Egal. Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot.

Melanie Italian Restaurant
4-6 Old Crompton Street
Soho W1D 4TB
www.melanierestaurant.co.uk



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