Montag, 28. August 2017

Fundstück: Venceremos, Amigos!


Die stets unbestechliche Titanic-Humorkritik brachte mich dorthin. Die vierteilige Dokumentation 'Die phänomenalen Amigos' ist zwar nicht auf YouTube zu sehen, dafür aber in der ARD-Mediathek (Teil 1 - Teil 2 - Teil 3 - Teil 4). Und man weiß nicht, ob man es nun mit der hessischen Variante von 'This Is Spinal Tap' zu tun hat oder mit einem wirklich ernst gemeinten Portrait. Letzteres kann einfach nicht sein, meint man immer wieder, während man sich's gibt. Denn dafür sind die Lobhudeleien auf das ungelenke Schlagerduo einfach zu sehr over the top, die Bratwurstjournalismus-Phrasen aus dem Off zu platt, als dass ein Redakteur mit einem Rest an Berufsethos das noch durchwinken könnte. Oder ist das am Ende doch ernst gemeint? Ganze vier Teile à 45 Minuten über "zwei schlimmst frisierte, herbstliche Brüder aus dem Hessischen, die neben dem Beruf simpelste Schlager schreiben"? (Titanic, ebd.)


Unabhängig davon, ob ich mit einer Musikrichtung persönlich etwas anfangen kann oder nicht, gibt es welche, die ich ernst nehmen kann und welche, bei denen mir das einfach nicht gelingen will. Erstere zeichnen sich dadurch aus, dass dort zumindest einzelne unterwegs sind, die sich irgendwie darum bemühen, Grenzen auszuloten, mal was Neues zu wagen, was Unerwartetes oder Verrücktes zu tun, auf die Gefahr hin, von den Fans dafür in die Tonne getreten zu werden. Damit es künstlerisch weitergeht. Die Musikrichtungen, die ich nicht ernst nehmen kann, sind die, die sich selbst genug sind im Immergleichen und immer bloß auf Nummer sicher gehen. Dazu zählen für mich hierzulande volkstümliche Musik, volkstümlicher Schlager und Disco-Schlager. Die 'Amigos' indes scheinen dieses Prinzip auf die Spitze zu treiben.

Alles scheint entweder zu wenig oder zu viel in der Welt der 'Amigos'. Musik und Texte noch schlichter als der Schlagerdiscofoxdurchschnitt ("Wie ein Feuerwerk / Richtung himmelwärts / wie ein Feuerwerk / mitten in mein Herz"), der neue Mercedes noch dicker, die Eigenheime noch üppiger dekoriert als anderswo, die Verehrung der Fans noch inbrünstiger als bei anderen Protagonisten des Genres. Die Erfolgsgeschichte der Brüder Karl-Heinz und Bernd Ulrich, die als Arbeiter und Kraftfahrer angefangen haben, ist der wahr gewordene Kleinbürgertraum von den Nobodys, die es mit beharrlicher harter Arbeit ganz nach oben geschafft haben. Sie inszenieren (und viktimisieren) sich als die ewig zu kurz Gekommenen, Verkannten, von einer elitären Musikindustrie schnöde klein Gehaltenen, die es am Ende doch allen gezeigt haben. Ist es bloß Zufall, dass gerade diese Backstory so gut ankommt in diesen Zeiten?

Natürlich ist es einfach, da zu urteilen, sehr einfach. Kein Problem, sich zu erheben darüber und sich überlegen zu dünken angesichts der maximal simpel gestrickten Musik des Duos oder des leicht zufriedenzustellenden Publikums. Das sollte man natürlich nicht, ein jeder werde selig nach seiner Facon, so er andere in Ruhe und den Missionar in der Tasche lässt. Vielleicht ist es auch ein Irrtum, von Musikern zu erwarten, sich ernsthaft mit anderer Musik als ihrer eigenen zu befassen z.B. sich damit auszukennen. Aber ein wenig gruselig ist es schon, wie die beiden sich von keinen Selbstzweifeln getrübt, völlig selbstverständlich in eine Reihe stellen mit den Stones oder der verstorbenen Amy Winehouse. Und wenn sie sich mal eben zu Fackelträgern deutschen Musikschaffens im Ausland stilisieren, dann ertappt man sich bei einem stillen "Nein, bitte nicht!"

Der Unterschied zu Spinal Tap freilich ist der: Die 'Amigos' meinen's ernst.




Kommentare :

  1. Erbarme! Zu spät - die Hesse komme!

    Hast Du wirklich alle vier teile durchgehalten? Das ist hart. Witzischkeit kennt kein pardon - ich hab’s schon immer gewußt: von Heinz Schenk lernen heißt siegen lernen!

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    1. Um ehrlich zu sein: Nein. Auch meine Leidensfähigkeit hat schließlich Grenzen. Aber ich habe genug gesehen und vor allem gehört, um mir ein fundiertes Urteil bilden zu können, denke ich.

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  2. Fluchtwagenfahrer29. August 2017 um 06:41

    Moin Stefan,
    nach ein paar Minuten Reflexion überkommen mich immer noch ablehnende, schaudernde Gedanken, gepaart mit Übelkeit und Fassungslosigkeit. Diese Amigos, ich weiß nicht mehr auf welchem Sender, haben mich schon hie und da auf die Palme gebracht, Werbung halt. Ich weis nicht was schlimmer ist, ich kaufe dein Auto, die verkackte Fahrradwerbung oder diese Schlümpfe, egal. Sollte es einen kausalen Zusammenhang zw. Stimmverhalten der Wähler und den Amigos geben, dann erscheint mir das Wort kleinbürgerlich nur noch als purer Euphemismus für Doofheit die aus allen Poren kriecht.
    Ich denke das selbst die Silbereisenfischertypen, schunkelnd beim blauen Bock, der MargotMarianne in den Ausschnitt starrend, sich schnöde abwenden. Und das will was heißen.

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  3. Als jemand aus dem hessischen Hinterland, der inmitten der Fans wohnt, die nicht nur musikalische, sondern auch noch lokalpatriotische Begeisterung umtreibt, möchte ich mal den Blick von den beiden Protagonisten zu deren Rezipienten lenken. Erstere bedienen offensichtlich tiefe Bedürfnisse und wo eine Nachfrage ist, gibts ein Angebot, das enthusiastisch angenommen wird. Ein großes Business zudem.

    Hölzern, ungelenk, provinziell, extremst schlichtmusikalisch und von brachiallyrischer Maximalsimplizität - offensichtlich gibt es für solche Retardierung einen Resonanzboden.

    Mich treibt daher die Frage um: was sagt uns diese musikalische und intellektuelle Platitüdenbegeisterung über die Fanbase? Kleiner Tip: das Wohlbehagen und die Passion der Fanbase ist keine Freude an Comedy, Surrealem, Ironie und Realsatire. Und dann erfaßt mich maßloses Entsetzen: Die dürfen alle wählen! Immerhin erklärt das Einiges, das muß man betrübt zugestehen.

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    1. Zum Trost vielleicht folgendes: Vor etlichen Jahren war ich zu einer Hochzeit kurz hinter der niederländischen Grenze geladen. Es war die Gegend um Maastricht, die als musikalische Ecke des Landes gilt und der auch der Seniorenteufelsgeiger André Rieu entstammt. Im Laufe des legeren Teils der Veranstaltung, mochte ich es einfach nicht glauben, was für ein kitschiger, volkstümlicher Schunkelkram dort auch und gerade von jungen Menschen begeistert konsumiert wird (was vielleicht auch einiges über die dortigen politischen Verhältnisse erklären könnte). Ich sage nur: Wenn Ohren Diabetes kriegen könnten. Merke: Es ist kein rein deutsches Phänomen.
      @Fluchtwagenfahrer: Nach dem, was sich so i.d.R. versehentlich - mitbekomme, scheinen mir die von dir Genannten wenigstens über ein solides musikhandwerkliches Fundament zu verfügen. Wenngleich das allein nichts heißen muss...

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  4. Mechthild: Es gibt in Ostdeutschland, konkret im Erzegbirge ein Pendant zu den Amigos: Die Randfichten. Berühmt geworden durch den "Holzmichel"!

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  5. Die "Schürzenjäger" machen jedes Jahr in Finkenberg im Zillertal ein Alpen-Rock-Open-Air-Festival. Das ist die Heile-Welt-Volksmusik für Rocker. 10.000 Besucher waren es 2016. Das Vieh wird jedesmal vorher auf die Hochalmen getrieben, weil es sonst tagelang keine Milch gibt.

    Das Gegenstück im Zillertal sind Konzerte der Haderlumpen. Schon der Name erinnert an Funk, Soul und House.

    Es grüßen die Zillertaler Zitzenzuzzler.

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  6. Ha! Wir Hessen lassen uns doch die Krone der Verblödung nicht nehmen. Ich kontere mit den Wildecker Herzbuben!

    Kleiner Bildnachweis für den o.g. Zusammenhang von wechselseitiger Retardierung von Musik und Politik:

    http://imgur.com/a/UA9CX

    Links aus der Amigo-Doku, rechts aus einem Nachrichteninterview.

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  7. Für mich der ehemalige" Jesus" Christian Anders(es fährt ein Zug nach nirgendwohl).Zu früheren Zeiten mit Chauffeur und goldenem Rolls unterwegs.Nach eigenen Angaben mit 1000 Frauen im Bett(zum Glück Keine geschwängert).Das verrückte Kerlchen ist jetzt auch über 70 zig.

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  8. So stell ich mir die Hölle vor: in Ewigkeit Amen diesen Radau mit anhören zu müssen und von einem frenetisch begeisterten einschlägigem Publikum umgeben zu sein

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  9. Warum sind die Guantanamo nicht darauf gekommen, diese Musik als "gewaltfreie" Informationsbeschaffungsmethode anzuwenden? Wäre wesentlich effektiver gewesen als Waterboarding.

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    1. Sind sie. Aber mit Musik aus ihrem Kulturkreis halt:

      https://www.vice.com/de/article/exkyx7/news-in-guantanamo-wurde-mit-der-sesamstrassenmusik-gefoltert

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