Freitag, 18. August 2017

Zum Saisonstart


Wie und warum  wird man eigentlich Fan eines bestimmten Fußballvereins? Aus Familientradition? Weil der beste Freund/die beste Freundin auch Fan ist? Weil man irgendwann mal mitgeschleppt wird zu einem Spiel. Man irgendwo dazugehören will? Bei mir war's ein langweiliger Samstagnachmittag im Jahre 1989. Meine hier gelegentlich erwähnte Sympathie für die Dortmunder Borussia war eine arg späte Liebe. Als Ruhrpöttler musst du dich entscheiden. Farbe bekennen. Butter bei die Fische tun. Herne-West oder Lüdenscheid-Nord? Notorischen Underdogs wird noch Anhängerschaft zum VfL Bochum, zu Rot-Weiß Essen oder den Zebras aus Duisburg gestattet, aber seitdem die nicht mehr die Bundesliga bevölkern, reduziert sich's hier vornehmlich auf die Gretchenfrage: Schwarzgelb oder blauweiß?

Während meiner früheren Schulzeit war ich Schalke-Fan. Nein, stopp, ich war kein Fan, ich gab bloß vor, für Schalke zu sein. Der Grund war simpel: Die Arschgeigen und Schlägertypen in meiner Klasse waren samt und sonders Schalke-Fans, und ich begehrte, meine Ruhe vor ihnen zu haben. Das Lippenbekenntnis, die Kenntnis der Namen von 2-3 Schlüsselspielern und dem Ergebnis des letzten Spieltages taten da zuverlässig ihren Dienst. Wenn man mich hingegen nach der Aufstellung des letzten Spiels gefragt hätte oder wer das entscheidende Tor am Samstag geschossen hatte, ich hätte keine Antwort gewusst. Hat aber nie jemand. Es gibt eben Menschen, die sehr einfach zufriedenzustellen sind. Vereinsfußball interessierte mich damals nicht sonderlich. Oder zumindest nicht genug, um einen beträchtlichen Teil meiner Freizeit darauf zu verwenden, Bohei um einen Fußballverein zu veranstalten. Dass ich in den Augen so genannter Ultras damit kein richtiger Fan, am Ende gar ein 'Verräter!' bin, damit kann ich leben.

Schwer zu glauben vielleicht, doch es gab Zeiten, in denen der BVB noch nicht jener mehrfache Meister und Bayernverfolger, jene millionenstarke KGaA mit Riesenstadion war wie heute, sondern eher das Schmuddelkind des Reviers. Man krebste so herum, träumte von den alten Zeiten eines Ente Lippens und Stan Libuda und war meist schon froh, eine weitere Saison in der Bundesliga mitzumachen. Außerdem war der Verein während der Siebziger wegen seiner teilweise rechtsradikalen und gewalttätigen Fan-Szene ('Borussenfront') zu recht in die Kritik geraten. Auf Schalke wurden sie zwar auch nicht Meister, doch kickten damals Leute wie Stürmergott Klaus Fischer dort und brachten wenigstens einen Hauch Glamour in die Bude. Nein, man war kein Glory Hunter, wenn man damals für Borussia Dortmund war. Eine Zeitlang schien allein Urgestein Manni Burgsmüller dem glanzlosen Club noch die Treue zu halten.

In den Achtzigern dann wurde es besser. Eine neue Spielergeneration mit Typen wie Michael 'Susi' Zorc, Günter Kutowski, Teddy de Beer, Thomas Helmer, Norbert Dickel und vor allem Frank Mill war herangewachsen und machte von sich reden. Allein, der Erfolg wollte sich nicht einstellen. Bis zu jenem Frühsommertag des Jahres 1989. An dem holte diese, damals noch von Horst Köppel trainierte Truppe gegen Werder Bremen den Titel. Sie tat das mit einer Souveränität und Leidenschaft, die mich mitriss und sicher sein ließ: Da kommt noch mehr, diese Leute haben echtes Potenzial, da kann Großes entstehen. Aber es kam erst einmal immer noch nichts. Erst als ein junger Trainer namens Ottmar Hitzfeld aus der Schweiz geholt wurde, ging es richtig ab. Zwei Meisterschaften, Champions League 1997. Ekstatische, adrenalingesättigte Fernsehabende.

Warum ich das erzähle? Die Bundesligasaison geht heute los. Und, schon aufgeregt? Voll im Fußballfieber? Ich nicht. Habe meines hervorragend im Griff. Mal sehen, was Bosz mit dem BVB so reißen kann, nachdem sie den asketisch-mönchischen Nerd Thomas Tuchel geschasst haben. Wunderdinge erwarte ich jedenfalls keine. Ist solche Wurstigkeit dem fortschreitenden Alter geschuldet? Weiß nicht. Doch könnte es sein, dass die Saison 2017/18 nicht nur in Deutschland aus anderen Gründen interessant werden könnte. Weil die Anzeichen sich mehren, dass immer mehr Menschen die Nase voll haben von jener komplett heißgelaufenen Unterhaltungsmaschinerie namens Profifußball. Die monströse Ablösesumme für Neymar und das Hickhack um Spieler wie Ousmane Dembelé oder Anthony Modeste sind nur Symptome einer Krise, die bei denen, die profitieren, vielleicht noch nicht angekommen scheint.

Etwa ab den Neunzigern hatte man sich vielerorts daran gemacht, das frühere Samstagsvergnügen schnauzbärtiger Prolls, alleswissender Oppas und erlebnisorientierter Jungmänner zum perfekt gestylten Hochglanz-Entertainment-Paket zu schnüren. Und weil das unter den Bedingungen des Kapitalismus geschah, wo der Teufel immer auf den dicksten Haufen scheißt, hat sich über die Jahre eine Handvoll europäischer Topvereine herauskristalliert, die mit mindestens fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit Meister in ihrer jeweiligen Liga werden, ihre dortigen Pflichtspiele routiniert bis gelangweilt herunterspulen und alle Energie in die Champions League werfen. Das hat nicht nur die Bundesliga, sagen wir, eher weniger spannend gemacht in letzter Zeit.

Sicher, Geld allein schießt nicht nur keine Tore, sondern macht auch eine Liga nicht zwangsläufig langweilig. Prominentestes Beispiel ist die am dicksten aufkapitalisierte Liga der Welt, die englische Premier League. Dort ist das Rennen um den Titel trotz obszöner Einnahmen überaus offen. Wer hätte gedacht, dass ein Verein wie Leicester City dort nicht nur die Chance auf den Meistertitel haben würde, sondern ihn auch tatsächlich holt. Und alle Milliarden haben die Premier-League-Clubs nicht davor bewahrt, in der gewinn- und prestigeträchtigen Champions League letzte Saison ziemlich früh die Segel streichen zu müssen.

Das alles hat aber seinen Preis. Der moderne Fußballverein hätte Fans am liebsten als Konsumenten, die vor allem mal ordentlich Geld dalassen, also am besten jedes Jahr eine teure Dauerkarte, die aktuellen Trikots und diversen anderen Kram kaufen. Auf der Insel ist diese Entwicklung so weit fortgeschritten, dass ist in vielen Stadien die traditionelle Fankultur einer sterilen Kino-Atmosphäre gewichen ist, weil viele Geringverdiener, die über Jahrzehnte die Tribünen bevölkerten und für Stimmung sorgten, sich den Besuch nicht mehr leisten können. Anlässlich der letzten WM schrieb ich: Wer Profifußball sehen und genießen will, muss zunehmend in der Lage sein, auszublenden.

Dummerweise sieht's am anderen Ende der Fahnenstange weiß Gott nicht besser aus. Je aberwitziger im Fußball sich alles nur noch ums Geld dreht, desto kindischer und bekloppter scheinen sich nämlich diverse Ultras zu benehmen. Sie halten sich für die Lordsiegelbewahrer des wahren Fußballs, erweisen sich meist aber bloß als doof ramenternde Dömmel, die sich mit aller Gewalt an atavistische Stammesrituale, an vermeintlich ewige Werte und Gewissheiten klammern. Schwafeln von Sachen, wie man sie einst in überwunden geglaubten Zeiten Soldaten predigte und die SS sie auf dem Koppelschloss Gassi führte. Ewige Treue bis in den Tod! Unser Leben für den Verein! Tradition über alles! Alles für den Dackel, alles für den Club! Hier will ich auch begraben sein / In mein Verein. Pardon, das letzte bitte streichen. Trotzdem, geht's noch? Entspannt euch mal, will man ihnen zurufen. Nicht nur ich, auch Andreas Möller ist zwischen Schalke und Dortmund hin- und hergeswitcht, ohne dass die Welt deswegen untergegangen wäre, Herrschaftszeiten!

Wieder zunehmende Gewalttätigkeit auf den Rängen? Lassen wir einen der Allergrößten Gültiges sagen dazu:


Vielleicht sollte man daher die Überlegungen von FIFA-Supremo Gianni Infantino, das Spiel noch weiter zu beschleunigen und zu technisieren, eher begrüßen, weil solche Maßnahmen die Kernschmelze eventuell beschleunigen. Das Dumme ist nur, solche erhofften Kollapse können erfahrungsgemäß länger dauern als man hofft. So sie überhaupt jemals kommen. Immerhin könnte der FC Bayern es dieses Mal ein wenig schwerer haben als in den letzten Jahren, schon vor Ostern als Meister festzustehen. Weil sie es nicht geschafft haben, einen adäquaten Ersatz unter anderem für Philipp Lahm zu finden. Einen, Bayern hin, Bayern her, der größten der letzten 10, 15 Jahre. Die Hoffnung jedenfalls, sie möge zuletzt sterben.




Kommentare :

  1. Da du nicht Fan von meinem Verein bist, muss ich dir leider das Maul blutig schlagen, wenn ich dich treffe.

    Alle sind Idioten - bis auf uns in Höhle 47 !!!

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    1. Sorry aber was denken Menschen die so etwas äußern, Ich für meinen teil habe mit dem Profisport abgeschlossen, besonderst nach den Manipulationen (die gibt es schon immer wo Geld im Spiel ist) wo absprachen gemacht werden wer mitspielt, oder der Schiedsrichter bewusst falsche Entscheidungen trifft, usw.
      Wir sollten alle mal das Gehirn verwenden und fagen "Wem nutzt es" Soprt ist eine Art vergleich der menschlichen Fähigkeiten, beim Spiel oder beim zu sehen. die berümten Karten sollte es auf beiden Seiten geben, muss es.

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    2. "Sorry aber was denken Menschen die so etwas äußern..."
      Nun, die Welt besteht eben nicht nur aus smarten Obercheckern wie Ihnen, sondern auch aus tumben Schlafschafen und Haudruffs wie Bonetti und mir, auf deren Kosten Sie dann Ihr Ego aufpolieren können.
      @Bonetti: Ey, aufs Maul, oder was?

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    3. @ Stefan Arschrosette

      Wir treffen uns heute nach der Sportschau auf dem Bolzplatz und machen es wie Männer aus, verstanden?!

      @ anonym

      Wir wissen, wo dein Auto steht.

      Mainz 05 o muerte

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    4. Und jetzt alle zusammen: 3,4 - Ihr seid nur ein Trainerlieferant, Trainerlieferant, Trainerlieferant... (was täten die Fankurven dieser Welt eigentlich ohne 'Yellow Submarine'?)

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  2. Ich sage nur: 13. Dezember, Opel-Arena.

    Freunde der Sonne ...

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  3. "Soprt ist eine Art vergleich der menschlichen Fähigkeiten" - Stefan, das hast du doch selbst geschrieben, oder? Soprt ist übrigens kroatisch und heißt Fischsuppe.

    So blöd sind noch nicht mal deine Leser ;o)))

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    1. Selbst geschrieben???? Hab ich 'Herr Karl' auf der Stirn stehen, oder was?

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  4. Stefan: Freu mich auch schon demnächst auf den Start der Ringer-Bundesliga! (Früher KSV Witten - mehrfacher deutscher Mannschaftsmeister!)

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  5. Ein 12-jähriger, der die U-17 Mannschaft des BVB verstärkt, 220 Mio. Ocken für EINEN Spieler, immer mehr Vollpfosten denen ihr Kontostand und ihre Tatoos wichtiger sind als der Verein, bei dem sie gerade kicken... Ich schaue schon seid 5 Jahren kein Spiel mehr im TV an.

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