Donnerstag, 5. Oktober 2017

Schöngeister in weiß


Unter der Woche bin ich nicht zum gründlichen Lesen gekommen, aber neben den üblichen Aufregern scheint mir die Tage viel über das Medizinstudium geredet zu werden. Darüber, ob der (Einser-) NC bei zunehmendem Ärztemangel noch zeitgemäß ist oder ob man den Zugang vielleicht gar ein wenig lockern soll, entscheidet jetzt sogar das Bundesverfassungsgericht. Weil wir in Deutschland sind, schwingen im Hintergrund nicht selten Fragen mit wie: Sollen solche Leute das dürfen? Also bitte, soll denn jetzt etwa jeder? Medizin studieren dürfen? Die so grundlegende wie scheinbar blöde Frage nach dem Was, also was denn ein guter Arzt eigentlich können sollte bzw. welche Voraussetzungen einem das Studium und die Arbeit erleichtern, scheint mir dabei regelmäßig etwas kurz zu kommen.

Und das wiederum scheint mir schon sehr deutsche Debatte, denn die Frage nach Abitur und Studium ist hierzulande von jeher mehr als eine pragmatische. Da geht es nie nur um hochqualifizierte Fachkräfte, sondern fast immer auch um soziale Abgrenzung und Distinktion, darum, wem Privilegierte den Aufstieg in ihre erlauchten Reihen gestatten wollen. Auch um Standesdünkel, immer noch. Das Brimborium um teilweise oder ganz plagiierte Doktorarbeiten in den vergangenen Jahren war da reichlich verräterisch.

Also, fragen wir doch einfach blöd: Was sollte man denn so draufhaben als Arzt? Wenn man mich fragt, sollte ein Arzt schon unter Beweis gestellt haben, dass er in der Lage ist, viel und komplexes Wissen in begrenzter Zeit aufzunehmen, zu verarbeiten und abzuspeichern. Es geht ja nicht nur um diverse Examina an der Uni, sondern auch darum, sich danach permanent fortzubilden und das Dazugelernte in den Berufsalltag integrieren zu können. Was auch im fortgeschritteneren Alter noch eine gewisse geistige Beweglichkeit voraussetzt. Klar, Garantien gibt es im Zweifel nirgends, aber mir ist irgendwie wohler, wenn ein Arzt, der sich an mir zu schaffen macht, in Puncto Updates auf einem halbwegs aktuellen Stand ist.

Muss ein Arzt Abitur haben? Ein Einser-Abitur gar? Nicht zwingend. Gewiss ist es kein Schaden, über ein paar Grundkenntnisse in Chemie, Physik, Mathematik, Biologie und Englisch (wegen der überwiegend englischen Forschungsliteratur) zu verfügen. Fragt sich nur, ob die Lernerei in der Schule wirklich so unverzichtbar ist. Zumal eine andere Frage lautet, wie viel vom Schulstoff nach mehreren Jahren Wartezeit auf das begehrte Medizinstudium noch übrig ist. Ist es daher so unvorstellbar, ob jemand ohne Abitur, dafür aber den eingangs genannten Fähigkeiten, Lern- und Merkfähigkeit nämlich, sich das nicht auch so draufschaffen könnte? Im Rahmen von Vorbereitungskursen vielleicht?

Braucht es aber zum Arztsein einen deutschen Bildungsbürger-Background? Ist ein Arzt ein besserer Arzt, wenn er Latinum hat? Wenn er mal Goethes 'Faust', Shakespeares 'Macbeth' und/oder die Emser Depesche interpretiert hat? Angesichts der durchschnittlichen Länge eines ärztlichen Beratungsgesprächs unter den Bedingungen des momentanen Gesundheitswesens fragt sich, wo da bitteschön noch Raum sein soll für schöngeistiges Parlando. In vielen Ländern gab es ausgebildete Fachkräfte ohne einschlägiges Studium für die medizinische Grundversorgung in dünn besiedelten Gebieten (unter anderem in der DDR, wo sie 'Gemeindeschwestern' hießen). Gibt es woanders immer noch, ohne dass die Welt deswegen ins Chaos sänke.

Übrigens sind letzter Zeit immer mehr junge Ärztinnen und Ärzte ohne Doktortitel zu sehen, weil sich wohl langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass die heiligen zwei Buchstaben vor dem Namen im Alltag reichlich sinnlos sind. Ein jüngerer Medicus antwortete mir mal auf meine Frage, ob das ein Problem sei, ältere und alte Menschen fragten gelegentlich, ob er überhaupt ein "richtiger Doktor" sei, das sei eigentlich alles. Ansonsten ist von einem Weltuntergang noch nichts zu hören. (Hinzu kommt das einfach nicht auszurottende Gerede, medizinische Doktorarbeiten würden als Masterarbeit in vielen Fällen wegen Leistungsverweigerung abgelehnt.)

Apropos geistig: Nach wie vor geistert das alte humanistische Bildungsideal vom Geistesadel durch deutsche Gymnasiumsflure und Elternabende. Noch immer heißt es, Konfrontation mit dem klassischen Wahren, Schönen und Guten in jungen Jahren vermöge zarte Schülerpflänzchen auf eine edlere Stufe des Daseins zu heben. Wenn man bedenkt, dass deutsche Gymnasien seit Jahrzehnten Studierwillige ausspucken, die sich mehrheitlich für BWL entscheiden, dann können einen da diesbezüglich schon leise Zweifel befallen.

Sicher, so lange er das, für das er da bezahlt wird, ordentlich macht, kann ein hochspezialisierter Chirurg an einer Superspezialklinik der ärgste Stinkstiefel sein, ein menschlicher Totalausfall mit den Manieren eines schlechtgelaunten, verkaterten Orks. Für die fast alle anderen Weißkittel aber gilt: Sie sollten irgendwie mit Menschen können. Ein wenig Freundlichkeit, Herzlichkeit und Empathie besitzen. Sie müssen nicht immer mitfühlen, wenn es einem schlecht geht und nicht mit den Angehörigen mittrauern, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Sich nicht wie offene Hose benehmen reicht für den Anfang. Kein Arschzt sein eben.

Wo lernt man das exklusiv am Gymnasium und wo wird das auf Abiturzeugnissen bescheinigt?




Kommentare :

  1. Fluchtwagenfahrer6. Oktober 2017 um 07:29

    Moin Stefan, nun zum Latinum, es scheint wohl wichtig zu sein, wegen der gemeinsamen Geheimsprache, weltweit.
    Ansonsten denke ich die Motivation ist das wichtigste, der Arzt sollte Menschen mögen, ihm helfen wollen, Empathie besitzen, neugierig sein, dann kommt der Rest von alleine.

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  2. Und es gibt noch eine andere Frage: gehört das Medizin-Studium überhaupt an die Uni (allgemein wissenschaftlich orientiert)? Oder nicht eher an die FH (konkret berufsbezogen)?

    Bei Biologie ist alles klar: da gehts um Erkenntnis der Lebensprozesse. Der Studienabschluss bescheinigte einen Wissensstand, der anschließende Berufsweg ist Sache des Einzelnen: Forschung oder Arbeitsamt.

    Bei Medizin dagegen führt der Abschluss in den Beruf des Arztes. Also konkret berufsbezogen. Der „Doktor“ ist eigentlich nur gut für das Branchenverzeichnis.

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  3. In der DDR war medizin ein diplom-studiengang, es war gewollt, den standesdünkel der mediziner aufzulösen. Hauptsächlich wurden die ärzte, die tatsächlich in die forschung gingen, promoviert.

    Nein, ich glaube nicht, daß man ein einser abitur benötigt, um ein guter arzt zu werden. Da muß ich nur mal zurück in meine eigene schulzeit gucken: aus meiner schule kenne ich zwei leute, die medizin studierten, weil sie den numerus clausus schafften. Von beiden würde ich mich eher nicht behandeln lassen, weil ich kaum glaube, daß die durch das studium zu vernünftigen menschen geworden wären. Auf der anderen seite habe ich auch schon sehr engagierte krankenpfleger (m/w) gesehen, die durchaus gute ärtze werden könnten, wenn man sie dann ließe.

    Auf jeden fall hielte ich es für vernünftiger, die wissenschaftliche medizin für solche leute zu öffnen, als die hokuspokus-heilpraktikerszene offenzuhalten.

    Kein mensch benötigt eine tödliche alternative zur medizin.

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    1. Die Heilpraktikerszene ist hier ein wenig off topic, aber ich steige trotzdem mal kurz auf Homöopathie ein.

      Der Heileffekt von Homöopathie ist einzuordnen unter Placebo. Ist das Quatsch? Wenn mit Placebo bei einem gewissen Prozentsatz, nur mal als Hausnummer: 5%, ein Heileffekt eintritt, ist diesen 5% geholfen. Das ist mehr als Null. Sagt dir jeder Arzt.

      Der Irrtum bei der Homöopathie besteht darin, das Erklärmodell von Hahnemann (Information in Wasser gespeichert) als wissenschaftliche Theorie misszuverstehen. Ist es nicht. Es ist eher ein „Zauberspruch“, ein Singsang, an dem sich die Seele festhalten kann; der folgende körperliche Entspannungsprozess fördert die natürliche Selbstheilung.

      Klappt nicht bei Blinddarm und Armbruch, auch klar. Aber es wäre ein Fehler, Homöopathie per se zu verdammen.

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    2. @Mechthild Mühlstein – „... es war gewollt, den standesdünkel der mediziner aufzulösen“ – dazu was anektdotisches, meine Patentante war OP-Schwester in Rostock, und sie hat berichtet, dass Ärzte tatsächlich nicht wesentlich mehr verdienten als Schwestern.

      Das haben sie ausgeglichen mit Arroganz. ARROGANZ. ARRG ... GRRRoganz!

      Also das mit dem Dünkel-Auflösen ist wohl in der guten Absicht stecken geblieben.

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    3. @ Wolf-Dieter Busch: Der Fehler der Homöopathie ist, dass sie spezifische Wirksamkeit für bestimmte Erkrankungen verspricht, wo sie nur den unspezifischen Plazeboeffekt nutzt. Denselben, den auch alle möglichen anderen Leute erfolgreich nutzen, Ärzte, Schamanen, Eltern usw. Denselben, der auf verschiedenste Art hervorgerufen werfden kann und der auch wirkt, wenn man als Patient weiß, dass man nur Plazebo kriegt.

      Sich den Plazeboeffekt bei der Behandlung zunutze zu machen ist ok. Nicht ok ist der esoterische Überbau. Das unsinnige Erklärungemodell nach Hahnemann hattest Du schon angesprochen. Das Theater um die homöopathischen Zubereitungen ist aber überflüssig. Eine homöopathische Behandlung würde exakt genauso gut (oder nicht so gut, je nachdem) funktionieren, wenn in allen Fläschchen nur Rohglobuli enthalten wären. Ob da nämlich wirklich jemand gegangen ist und irgendwelche (nach dubiosen Kriterien ausgewählten) Urtinkturen verdünnt, geschüttelt, verdünnt, geschüttelt usw. usf. hat, bis am Ende sowieso nichts mehr davon vorhanden ist, macht keinen Unterschied. Da der Kunde das Schütteln und Verdünnen nicht miterlebt, ist es irrelevant und nicht Teil der Behandlung. Es macht für den Behandlungserfolg keinen Unterschied.

      Dadurch aber, dass man diesen magischen Firlefanz treibt, trägt man aktiv zur Volksverdummung bei, drängt die Vernunft zugunsten von Esoterik zurück und diskreditiert gleichzeitig die evidenzbasierte Medizin, die zur Behandlung von ziemlich allen behandlungsbedürftigen Erkrankungen schlicht alternativlos ist. So trägt man dazu bei, Menschen in Ausnahmesituationen in die Hände irgendwelcher Zauberdoktoren zu treiben, die dann allerhand Zweifelhaftes machen (wie der Held in Brüggen neulich, da gehen dann schonmal Kunden bei drauf) oder zumindest eine evtl. noch mögliche medizinische Behandlung verhindern oder verzögern (wobei auch immer wieder Leute oft unnötigerweise draufgehen, etwa Steve Jobs als prominentes Beispiel). Und Homöopathen weigern sich regelmäßig, das einzusehen.

      Dafür ist die Homöopathie zu verdammen.

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    4. So sieht das aus, sehr schön auf den Punkt, danke. Hinzu kommt vielleicht noch, dass Homöopathiegegner bzw. -kritiker kein Verbot derselben anstreben, sondern lediglich dafür, das Privileg als 'besondere Therapieform' abzuschaffen.

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    5. @gnaddrig – in dem Maß, in dem Homöopathie konkret Falsches verspricht, ist dir zuzustimmen. Ich beziehe mich auf homöopathische Praxis als Heilungsversuch; wenn der misslingt, geht es halt mit Schulmedizin weiter.

      @alle – ich denke, im Kern sind wir einig.

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  4. @ Mechthild: Unterschreibe ich.

    @ Wolf-Dieter: Interessanter Gedanke. Habe bei meinem Beruf auch schon gedacht, dass das nicht an die Uni sondern an die FH gehört - Übersetzer sind in aller Regel Handwerker, keine Wissenschaftler udn schon gar keine Forscher. Da wäre eine mehr praxisorientierte Ausrichtung sinnvoll und einiges an akademischem Überbau überflüssig.

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  5. Uni oder FH – wo ist da seit Bologna noch ein anderer Unterschied als ein Gedachter? ;)

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  6. 1. Es gibt eine Alternative zum Placeboeffekt von Globuli: Viele viele bunte Smarties.

    2. Die Privatuni Witten-Herdecke bietet das (gebührenpflichtige) Medizinstudium ohne NC an. Es reicht das Abi und eine 6-monatiges Pflegepraktikum.

    3. Es gibt Kliniken, die schreiben Facharztstellen mit Pof.-Titel aus. Andererseits gibt es z. B. in der zweitgrößten deutschen orthop, Klinik in Herten einen leitenden Oberarzt ohne Dr.-Titel.

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  7. Ich musste für meine definitve Verhütung nach München reisen.Wohnort Bodenmais/Bayrischer Wald.Daher ,nicht nur Hausärtze fehlen auf dem Land auch für Kleinchirurgien ,in meinem Fall für z.b.Vasektomien fehlen die Aerzte auf dem Land.

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