Sonntag, 3. Dezember 2017

Über Stammitaliener


Gibt ja verschiedene Anzeichen dafür, dass man langsam alt wird. Da sinkst du zum Beispiel beim traditionellen halbjährlichen Bowlen mit den alten Kumpels auf die Knie, aus lauter Dankbarkeit, endlich einen Strike hinbekommen zu haben. Früher wärst du mit einem lockeren Schwung in die Hocke und einem Hüpfer wieder oben gewesen. Jetzt? Nun ja. Früher erschien dir ein komplett ruhiges Wochenende ohne jegliche 'aufregende' Aktivitäten als unmittelbare Vorstufe zum finalen Umzug in eine Senioreneinrichtung, inzwischen findest du es ziemlich okay. Du versuchst, etwas Geld zu sparen für den Notfall, weil du nicht mehr Eltern, Freunde und/oder Verwandte anpumpen magst, wenn die Waschmaschine kaputt ist. Du lässt eine Flasche Wein auch mal ein paar Monate liegen, anstatt sie sofort aufzumachen und auszusaufen. Du machst dir überhaupt Gedanken um Gesundheit. Weil Gesundheit halt nicht mehr so selbstverständlich ist.

Und schließlich: Du hast einen Stamm- bzw. Lieblingsitaliener. Eine Pizzeria, ein Ristorante, in das du immer wieder gern gehst. Nichts Glamouröses, nichts, wo das Personal mit penetrantem italienischen Akzent ne Riesenshow abzieht. Nichts um jeden Preis Authentisches, Cooles oder Durchgestyltes, eher was Gediegenes, Solides, das dich von innen wärmt. Früher hieltst du es für einen Inbegriff an Spießigkeit, einen Stamm- bzw. Lieblingsitaliener zu haben. Wer so was erwähnte, hatte es entweder besonders nötig, Weltläufigkeit zu demonstrieren oder war ein arges Gewohnheitstier. Nur noch getoppt von schweren Stilmöbeln oder Mitgliedschaften im diversen gruseligen Vereinen (Kleingarten-, Dackelzüchter-, Schützen- etc.). Wer andauernd von 'seinem' Stamm- bzw. Lieblingsitaliener redete, fuhr auch jedes Jahr an den gleichen Ort in Urlaub und schien auch sonst mit dem Leben weitgehend abgeschlossen zu haben.

Aber seitdem du damals ein paar mal da warst bzw. ihr damals ein paar mal da wart und es immer echt gut war, kommst du bzw. kommt ihr immer wieder her.



So geht es mir hier.

Dabei ist es noch nicht mal ein 'richtiger' Italiener, sondern es geht eher italienisch-deutsch zu. Die (hiesige) Inhaberin war mit einem Italiener verheiratet und führte mit ihm das Lokal. Inzwischen ist sie längst geschieden und neu liiert, der Ex schmeißt weiterhin die Küche, sie aufs Herzlichste den Service. Wie sie das managen, ist mir egal, Hauptsache sie tun es noch lange.

Der Laden war einmal eine Eckkneipe und ist jetzt eine richtig altmodische Pizzeria. So eine wie früher, als sich die ersten Gastarbeiter mit so was selbstständig machten. Hübsch hässlich, wie Pater Brown immer zu sagen pflegte. Sogar eine von diesen kitschigen, geschraubten Monster-Chianti-Flaschen steht hier noch auf der Theke. Das ist so herrlich scheißdrauf, dass es schon wieder cool ist. Vor allem aber können sie hier Pizza, und zwar zum Niederknien gut, über jeden Zweifel erhaben. Gut, an der Vinaigrette zum Salat müssen sie noch arbeiten, denn die stülpt einem die Magenschleimhaut in Falten. Oder hat das auch historischen Wert? Bin nicht sicher. Trotzdem komme immer wieder gern her. Ich werde wohl alt.




Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen