Dienstag, 24. Oktober 2017

Ein Jubiläum (4)


Heute vor 100 Jahren, am 24. Oktober 1917, begann die Schlacht bei Caporetto.

Im Nachhinein, oder ex post facto, wie's distinguierter heißt, ist man bekanntlich immer schlauer. In der Rückschau erscheint uns nachfolgenden Generationen die Niederlage der Mittelmächte am Ende des ersten Weltkrieges geradezu zwingend. Die katastrophale Versorgungslage, der nach Jahren des Gemetzels langsam versiegende Nachschub an Soldaten (ab 1917 war man dazu übergegangen, auch 17jährige einzuziehen), während die Ententemächte solche Sorgen nicht hatten. Ihnen standen nicht nur die Weltmärkte offen, sondern ab 1917 auch das Menschenreservoir der USA. Konnte nicht anders kommen. Zeitgenossen sahen das Ende 1917 ganz anders. Mochten die Deutschen schlecht ernährt sein und in Uniformen herumlaufen, die immer mehr Lumpen glichen, vor ihrer Kampfkraft hatte man gehörigen Respekt und sah sich keineswegs auf der Siegerstraße.

Samstag, 21. Oktober 2017

Alte Tugenden im Sündenbabel


Dank eines lieben Menschen mit Sky-Abo und HDD-Recorder war ich als Nurgebührenberapper nunmehr in der Lage, die ersten Folgen der mit 40 Mille Kosten teuersten deutschen und vom nationalen Föjetong bejubelten Serie 'Babylon Berlin' anzuschauen. Und? Habe ich das Licht gesehen? Hat deutsches Fernsehen nunmehr endlich Weltniveau? Sind wir endlich wieder wer? Nun ja. Nennen wir es einen Rückfall in alte Tugenden.

Es geht um den Kölner Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch), der 1929 für Ermittlungen nach Berlin entsandt wird. Weil er durchaus Eindruck hinterlässt und er vom quirligen Leben der Roaring Twenties fasziniert ist, verschlägt es ihn, obwohl familiär im Rheinischen gebunden, bald ganz nach Berlin. Parallel dazu wird die Geschichte von Charlotte 'Lotte' Ritter (Liv Lisa Fries) erzählt. Die hat einen Schlafplatz im Hinterhaus einer heruntergekommenen Mietskaserne und verdingt sich tagsüber als Tagelöhnerin im Polizeipräsidium, wofür sie sich immer wieder einer unwürdigen Prozedur unterziehen muss. Jeden Morgen prügeln sie und ihre Konkurrentinnen sich förmlich um einem der raren Arbeitsaufträge wie Hungernde um Brotkrumen, die ihnen hingeworfen werden. Als sie einen Auftrag für mehrere Wochen am Stück ergattert, wird sie allgemein beneidet. Nachts tanzt sie sich im 'Moka Efti', das als eine Art Berghain Anno Tobak inszeniert wird, die Seele aus dem Leib und prostituiert sich im Hinterzimmer. Eine von geschätzt knapp 50.000 'Halbseidenen' im damaligen Berlin. Meist schläft sie überhaupt nicht - ein Pensum, das auch für eine junge Frau eigentlich nur durch das seinerzeit reichlich verfügbare Kokain erklärbar ist. Aber auch verständlich ist, denn so wie sie sollte niemand schlafen müssen.

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Auch mal schön...


so zwischendurch, so eine kleine Pause vom üblichen Politgebrassel: Indian Summer (na ja, noch nicht so richtig) im Freilichtmuseum Hagen. Eine sehr schöne, bis auf den üblichen (und wohl unvermeidlichen) Museumsshop vergleichsweise wenig durchkommerzialisierte Einrichtung übrigens, ein Besuch bei gutem Wetter ist sehr zu empfehlen. Was aber heuer nur noch bis 31. Oktober möglich ist. Und zum Weihnachtsmarkt am ersten Dezemberwochenende. Aber das stelle ich mir, sagen wir mal, gut besucht vor.

Montag, 16. Oktober 2017

Schmerzfrei originalverkorkst


Es gibt diese herrlich verstörenden Momente im Leben, in denen Fiktion, besser noch Satire, von der Wirklichkeit nicht nur ein-, sondern überholt wird. Vielen dürfte zum Beispiel das Weingut Pallhuber und Söhne aus dem Sketch von Loriot ein Begriff sein. Für das Weingut war dort ein trinkfester, rotgesichtiger, schnapsnasiger Vertreter namens Blümel auf Reisen, um arglose Hausfrauen zu beschickern und ihnen, sobald genügend beschwipst, die Produkte des Hauses aufzuschwatzen ("abgefüllt und originalverkorkst..."). Als die Konkurrenz von der Staubsaugerbranche hinzukam ("Es saugt und bläst der Heinzelmann..."), endete der Vormittag in allgemeinem Besäufnis und Chaos.

Samstag, 14. Oktober 2017

Zur Causa Weinstein


Der Önophile weiß: Steinwein ist gut, Weinstein verdirbt den Tag. Spitzengag als Aufhänger! Ab jetzt wird es weniger lustig. Mein Problem mit Männern wie Harvey Weinstein ist, dass Typen wie er wieder mal die ganze Innung in Verruf bringen, weil er Männer per se als schwanzgesteuerte Wüstlinge erscheinen lässt. (Wenn die Vorwürfe gegen ihn sich denn als begründet erweisen.) Dergleichen sozialdarwinistische Alpha-Männlichkeit ist nicht meine und mir daher fremd. Diese Wahrnehmung der Welt als sexueller Selbstbedienungsladen, in der ich glaube, wegen ein paar beschissener Dollars auf meinem Konto das Recht zu haben, mit Frauen frei nach Mutwillen umzuspringen und meine Frau, die mehr eine Art Statussymbol ist, nach Lust und Laune zu hintergehen. Nicht mein Menschenbild, nicht meine Werte, so was.

Ja, ich weiß, jeder Macho behauptet im Zweifel, ganz anders zu sein. Kennen wir. Trotzdem, bin ich der einzige, dem es ein wenig schwummrig wird, ob der Sicherheit, mit der Weinstein überall bereits behandelt wird wie ein rechtskräftig verurteilter Verbrecher?

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Ronny des Monats - Oktober 2017


So denn, der Zehnte des Monats ist mal wieder rum – Zeit für die fällige Ronny-Verleihung. Natürlich hat es auch diesen Monat wieder viel an Gewalt und Kleinkriminalität von rechts gegeben (die unter anderem hier akribisch dokumentiert wird), die aber nicht schlimm ist, weil linke Gewalt ja noch viel, viel tausende Male schlimmerer ist. Ätsch! Medial überlagert wurde vieles vom Wahlergebnis der AfD, die sich, nicht zuletzt dank ihres Höcke-Flügels, hier schon den einen oder anderen Ronny abgeholt hat. Aber auch die anderen übelriechenden braunen Sumpfdotterblumen am Wegesrand sollen darüber nicht in Vergessenheit geraten. Ladies and Gentlemen, die Top 5 des Monats Oktober:

Sonntag, 8. Oktober 2017

Im falschen Heimatfilm


Wieder einmal scheint's, als sprüngen die etabliert-sklerotischen politischen Kräfte über ein Stöckchen, das ihnen die Rechten hinhalten. Der Festrede des aktuellen Bellevue-Insassen zum Nationalen Feiertag zufolge, ist man offenbar fest entschlossen, ihnen, also den Rechten, den Begriff 'Heimat' nicht widerstandslos zu überlassen. Fragt sich nur, ob das Heimatgetümel bei denen nicht sogar am besten aufgehoben ist. Es mag meinethalben eine zutiefst menschliche Regung sein, sich mit dem Landstrich in den man zufällig hineingeboren wurde und den Leuten, unter denen man so groß werden musste, irgendwie zu identifizieren. Die Frage ist aber schon, ob man dem mehr Bedeutung beimessen sollte als unbedingt nötig, und ob ein wenig davon nicht bereits zu viel ist. Es gibt zahlreiche Regungen, die irgendwie zutiefst menschlich sind, sich aber völlig zurecht in diversen Tabuzonen befinden bzw. im Strafgesetzbuch stehen. Man nennt das: Zivilisation.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Schöngeister in weiß


Unter der Woche bin ich nicht zum gründlichen Lesen gekommen, aber neben den üblichen Aufregern scheint mir die Tage viel über das Medizinstudium geredet zu werden. Darüber, ob der (Einser-) NC bei zunehmendem Ärztemangel noch zeitgemäß ist oder ob man den Zugang vielleicht gar ein wenig lockern soll, entscheidet jetzt sogar das Bundesverfassungsgericht. Weil wir in Deutschland sind, schwingen im Hintergrund nicht selten Fragen mit wie: Sollen solche Leute das dürfen? Also bitte, soll denn jetzt etwa jeder? Medizin studieren dürfen? Die so grundlegende wie scheinbar blöde Frage nach dem Was, also was denn ein guter Arzt eigentlich können sollte bzw. welche Voraussetzungen einem das Studium und die Arbeit erleichtern, scheint mir dabei regelmäßig etwas kurz zu kommen.

Montag, 2. Oktober 2017

Alle sind im Widerstand


"Metal ist keine Rebellion mehr." (Mikael Åkerfeldt)

Widerstandskämpfer gehen mir inzwischen gewaltig auf den Sack. Also nicht echte Widerstandskämpfer, die wirklich was riskieren, sondern die, die sich dafür ausgeben. Weil's Sympathien bringt. Die fliegen edlen Streitern für das Gute und Wahre nämlich zu, und zwar so sehr, dass Fakten zuweilen egal werden. George Lucas zum Beispiel hat das gewusst. Die Truppe, die in 'Star Wars' (1977) antrat, die weit entfernte Galaxie vom finsteren Todesstern zu befreien, war ein Haufen, dem man normalerweise nicht die Organisation einer Tombola auf dem Gemeindefest anvertraute, weil das todsicher im Chaos enden würde. Ein inzestuös veranlagter Schulabbrecher und Verkehrsrowdy, ein esoterischer Opa, der beim ersten Laserschwertduell draufgeht, ein gesuchter Schmuggler und dessen bester Freund, ein 2,50 Meter großer, wandelnder Flokati, der nicht sprechen kann, dafür aber zwei Roboter, von denen einer in einer Tour Blech redet. Aber egal. Sie kämpften für das Gute gegen einen übermächtigen Bösewicht und schienen keine Chance zu haben. Deshalb mochten wir sie, feuern sie an, bangten und hofften mit ihnen und hielten zu ihnen.

Samstag, 30. September 2017

Notizen aus der Provinz


Promis, meinte die ostwestfälische Nachtigall einst, seien Erbrochenes auf der Windschutzscheibe des Lebens. Dem ist nur schwer zu widersprechen. Zumal damit ja nicht gemeint ist, Menschen, die der Menschheit wirklich etwas zu geben haben, den gebotenen Respekt zu versagen. Die sind oft gar nicht das Problem, denn die pflegen sich durch das mitzuteilen, was sie tun und ansonsten meist keine Lallbacken zu sein. Nein, es geht um Promis. Um jene Leute also, die aus irgendwelchen Gründen Medienpräsenz bekommen für irgendwas Belangloses und es deswegen gewaltig nötig haben. Und je belangloser das, was sie tun, desto mehr haben sie's oft nötig. So landet man am Ende bei ridikülen Phänomen wie 'It-Girls'. Normschöne junge Frauen, die für ihre bloße Existenz bezahlt werden sowie dafür, mit mehr oder minder Aufwand momentan gültigen ästhetischen Idealen zu entsprechen und zu den richtigen Events eingeladen zu werden.